Ein Interview mit Carmen Rodina  über ihren pädagogischen Ansatz

Seit 1994 ist Carmen Rodina als Dozentin und Tanzpädagogin tätig und hat diesen Bereich kontinuierlich erweitert. Sie leitet im In- und Ausland Fortbildungen und Seminare in Zusammenarbeit mit Universitäten, Schulen, Kulturinstitutionen oder Unternehmen. In dem folgenden Interview gibt sie Auskunft über ihre Arbeitsweise.

Was motiviert Dich dazu, Dein Können an Dritte weiterzugeben? Welchen Stellenwert hat die tanzpädagogische Arbeit in Deinem Leben?

Ich liebe den Tanz, er ist meine Passion. Etwas von dem, was mich selbst erfüllt und fasziniert, an andere weiterzugeben, ist etwas großartiges. Tanz ist eine besondere, authentische, nonverbale  Ausdrucksmöglichkeit. und fordert und berührt den ganzen Menschen. Wo immer Menschen tanzen, findet kommunikativer Ausdruck und Austausch statt.

Bei Deiner choreographischen Arbeit folgst Du oft Intuitionen oder spontanen Eingebungen. Ist das beim Unterrichten ähnlich? Oder hast Du ein vorgegebenes Ziel, das am Ende des Unterrichts erreicht sein muss?

Es ist ein Unterschied, ob ich ein Compagnie Training leite, eine Fortbildung oder ein Schulprojekt mache, oder ob ich mit Laien im Freizeitbereich arbeite. Bei einer Fortbildung strukturiere ich den Unterricht nach einem Skript, von dem ich nur in Ausnahmefällen abweiche. Konzeptionell orientiere ich mich nach den Zielvorgaben der jeweiligen Institutionen. Natürlich ist es mir auch  wichtig, den Bedürfnissen der Teilnehmer gerecht zu werden. Sie sollten den Tanzraum am Ende mit einem guten Gefühl verlassen. Dass sie ein Erfolgserlebnis hatten, etwas Neues dazugelernt haben, oder einfach auch etwas für ihre Gesundheit tun konnten.

Wie gehst Du in Deinen Seminaren methodisch vor? Wie viel Raum und Zuwendung bekommt der Einzelne, wie viel das Team oder die Gruppe?

Ein guter Pädagoge sollte die körperlichen Grenzen seiner Teilnehmer/innen erkennen und die Tanztechnik darauf abstimmen können. Deshalb versetze ich mich immer wieder in die Lernenden hinein. Ich gehe von jedem einzelnen Teilnehmer als Individuum aus, habe aber auch gleichzeitig die ganze Gruppe im Auge. Das ist wichtig, damit der Energiefluss nicht abfällt.
Klarheit und Struktur spielen eine große Rolle, deshalb ist es manchmal wichtig eine Bewegungsabfolge stückweise aufzubauen. Dabei kommt es natürlich auch auf die Musik und den Rhythmus an, zu denen die Bewegungen im Bezug stehen. Wesentlicher Bestandteil meiner Arbeit ist, dass die Teilnehmer ein Körperbewusstsein entwickeln, deshalb gibt es in jeder Tanzstunde eine Phase mit Körperarbeit. Es geht nicht darum, einfach nur irgendwelche vorgegebenen Schritte zu machen. Die Teilnehmer  lernen, einer Bewegung einen Inhalt zu geben, sie innerlich zu spüren. Eine Bewegung hat immer ein Anfang und ein Ende und den Weg dazwischen füllen wir mit unseren Emotionen. Viele Menschen denken, z.B. beim afrikanischen Tanz müsse man einfach nur seine Gefühle herauslassen können. Aber wenn ein Tänzer Freude, Wut oder eine andere Emotion ausdrücken möchte, sollte er diese Gefühle auch bewusst an sich selbst erfahren. Das ist eine wichtige Qualität. Aber genauso notwendig ist es, sich während des Tanzens der Emotionen, die dabei in unserem Körper ablaufen, bewusst zu sein.

Gibt es bestimmte Techniken oder Tanzstile, die Du bevorzugt einsetzt? Wenn ja, warum?

In meinen Tanzunterricht fließen sehr unterschiedliche Ansätze ein. Stilelemente aus dem Modern Dance, dem afrikanischen Tanz und dem Bewegungstheater, Techniken aus dem Jazztanz oder dem karibischen Tanz, aber auch Bewegungsabläufe aus dem Yoga und dem Pilates, die ich gezielt einsetze. Wenn die Gruppe schon fortgeschrittenen ist oder ich mit einer Klasse ein Tanzprojekt erarbeite, setze ich gerne Improvisationstechniken ein und greife dabei auf das Bewegungsrepertoire der Teilnehmer zurück. Auch bei meinen Projekten mit Schulkindern in Taiwan habe ich zunächst mit Improvisation begonnen und die afrokaribische Tanztechnik erst später mit einbezogen. Mir ist es wichtig, dass die Tänzer und Schüler ihre ganze Persönlichkeit und ihr ganzes Bewegungsspektrum entfalten können. Durch meine verschiedenen Tanzprojekte im Ausland mit anderen Kulturen bekomme ich immer wieder neue Anregungen und Impulse, die in meinen Unterricht mit einfließen. Das ist ein grundlegender Unterschied zu anderen „Tanzschulen“ und darin liegt auch ein besonderer Reiz.

Worin besteht der Unterschied zwischen dem traditionellen afrikanischen Tanz und dem zeitgenössischen afrikanischen Tanz, den Du auch unterrichtest?

In Afrika gibt es sehr viele verschiedene Tänze und Stile. Ich unterrichte vorwiegend Tanztechniken aus dem westafrikanischen Kulturkreis. Im traditionellen afrikanischen Tanz sind die Musik und der Tanz sehr stark miteinander verknüpft. Das Besondere daran ist die große Präsenz der Live-Musiker. Sie liefern den Tanzenden eine Art rhythmische Folie für ihre Bewegungen, Musiker und Tänzer gehen eine rhythmische Symbiose ein. Auch der traditionelle afrikanische Tanz hat seine speziellen Techniken, typisch sind zum Beispiel die immer wiederkehrenden Wiederholungen von bestimmten Schrittmustern. Der zeitgenössische afrikanische Tanz schafft Zugang zur Moderne, setzt sich hinweg über die eng gesteckten Begrenzungen der afrikanischen Tradition.  Für mich persönlich ist ein Tanz, in welcher Kultur auch immer er seine Wurzeln hat, zugleich einzigartig und universell. Er verkörpert das Prinzip dauernder Verwandlung. Aus dieser Idee heraus und auf der Suche nach der Essenz im Tanz habe ich auch „Art of Global Dance“ entwickelt.

Du arbeitest im Ausland auch viel mit sozial benachteiligten Gruppen, wie etwa mit den Tribes in Taiwan. Glaubst Du, dass ein Tanzpädagoge auch sozialpädagogische Aufgaben übernehmen kann? Kannst Du sagen, welche?

Auf jeden Fall. Tanz kann sehr heilsam sein und hat auch immer einen therapeutischen Aspekt, obwohl ich nicht im engeren Sinne therapeutisch arbeite. Tanz ist eine Ausdrucksmöglichkeit und in jeder Kultur ist sie verankert. Er hat eine starke kommunikative Bedeutung und besonders der afrikanische Tanz hat in Afrika unter anderem die Funktion, die Menschen zusammenzuführen. Tanzen berührt den ganzen Menschen, egal in welcher Kultur. Tanz kann immer als Medium für soziales und kulturelles Lernen eingesetzt werden. Etwa, wenn der Tanz als Quelle der Freude erfahren wird, so wie ich es in den Aborigines- Dörfern bei der Arbeit mit den Senioren- und Frauengruppen erlebt habe. Da ist dann das sozialpädagogische Ziel genau dieses Wohlgefühl, welches beim Tanzen entsteht. Daraus kann sich individuelles Wachstum entwickeln, es können Motivationen für Verhaltensänderungen entstehen, seelische Beschwerden können gelindert werden.

Du bietest auch tanzpädagogische Weiterbildungen für Lehrer an, die ihrerseits als Kursleiter arbeiten. Was können die bei Dir lernen?

Kursleiter bekommen in meinen Fortbildungen neue Impulse und Ideen, sie lernen meine Methode kennen, können sie dann reflektieren und Elemente daraus in ihrem eigenen Unterricht anwenden. Ich gebe methodische Anregungen, die sie als neues Modul in ihr Konzept einarbeiten oder mit denen sie ihr Angebot erweitern können. Es kommt dabei immer sehr auf die jeweilige Gruppe an.In einem Fall waren z.B. sehr viele Sportler in der Gruppe. Mir war aufgefallen, dass bestimmte  Muskeln zu wenig oder einseitig gedehnt waren und so habe ich viel Körperarbeit und Bewegungen aus dem Yoga in den Unterricht integriert. Am Ende, in der Feedbackrunde, kam von den meisten die klare Aussage, dass ihre Ausbildung zu sehr auf ein Krafttraining der Muskeln ausgerichtet ist, die sie für ihre spezielle Sportart brauchen. Das ganzheitliche Körpertraining, wie ich es anbiete, war eine große Bereicherung für sie.

In Deinen Workshops und Seminaren hast Du es mit sehr verschiedenen Menschen zu tun. Mit Mitarbeiter einer Firma, mit Profitänzern mit hohem Anspruch, mit Teilnehmern, die Tanzen als Hobby betreiben und einen kreativen Ausgleich suchen, bis hin zu  hyperaktiven Schulkindern – wie wirst Du diesen unterschiedlichen Zielgruppen gerecht?

Ja, das ist eine große Herausforderung und gleichzeitig liebe ich genau diese Vielschichtigkeit meiner Arbeit. Es erfordert sehr viel intuitives Gespür, Offenheit und Toleranz, sich auf so unterschiedliche Gruppen und auf Menschen mit so verschiedenen Hintergründen einzulassen. Aber durch meine Ausbildung und Studienaufenthalte in Westafrika, Jamaika, New York oder Paris und durch meine interkulturellen Tanzprojekte im Ausland habe ich immer wieder Gelegenheit, mein Gespür für Situationen und Menschen weiter zu vertiefen. Ich kann aus einem großen kreativen Fundus schöpfen und dafür bin ich sehr dankbar.

Das Interview wurde von BARBARA-ANN RIECK geführt (Journalistin und Mediencoach)